Politik

Mein Verhältnis zur Politik drückt sich etwa in dem teilnahmsvollen Dialog aus; ich könnte mich nicht satt  sehen an dem Schauspiel, wie die Staaten von einer internationaler Verbrecherbande   steckbrieflich  verfolgt werden. Wenn ich sage, dass mich die Politik nicht interessiert, so mögen es mir die glauben, die durch Politik um ihren Verstand gekommen sind. In Wahrheit ist mir die Politik zwar nicht Beruf, aber gerade deshalb Problem. Was mich an der Politik immer wieder anzieht und beschäftigt, ist die Tatsache, dass es Politik gibt. Ich halte sie für eine mindestens ebenso vortreffliche Manier, mit dem Ernst des Lebens fertig zu werden, wie das Tarockspiel, und da es Menschen gibt,

die vom Tarockspiel leben, so ist der Berufspolitiker eine durchaus plausible Erscheinung. Umso  mehr, als er immer nur auf Kosten jener gewinnt, die nicht mitspielen. Aber es ist in Ordnung, dass der Kiebitz zahlen muss, wenn das geduldige Zuschauen seinen Daseinsinhalt bildet.  Gäbe es keine Politik, so hätte der Bürger bloß sein Innenleben, also nichts, was ihn erfüllen könnte. Spannungen kann ihm nur der Rohstoff des Lebens bieten. Die Kunst läßt ihn darin in Stich, aber Politik und Verbrechen sind Rohstoff. Je größer die Handlung, desto geringer die geistige Anstrengung, die Handlung zu erfassen. Und je größer das politische Ereignis ist, umso auffälliger tritt die geistige Armut hervor, die sich mit ihm beschäftigt. Politik ist Bühnenwirkung. Wenn Shakespeare über die Szene ging, hat noch jedem Publikum der Waffenlärm die Gedanken übertönt.

Die Größe Bismarcks, der den politischen Stoff schöpferisch gestaltete und warum sollte einem Künstler nicht ein Abenteuer im Kehricht zur Schöpfung erwachsen? -, wird mit dem Muss der theatralischen Handlung, des Effekts der Auftritte und Abgänge gemessen. Und wenn wir Deutschen Gott und sonst nichts in der Welt fürchten, so respektieren wir selbst ihn nicht um seiner Persönlichkeit willen, sondern wegen des Geräusches seiner Donner, Rhythmus ist alles, nichts die Bedeutung. Hand aufs Herz, was ist dem Volke lieber;   „Der Müller und sein Kind“ oder  „Wenn wir Toten erwachen“? Wer außer den Politiker beklagt, denn die Dummheit in der Politik? Sind die Gescheitheiten in der Politik gescheiter? Bietet das Schweigen mehr Spannung als das Reden? Ein Interview, heißt es, und fünf Millionen sind erwünscht?  Nicht, dass diese Folge eines Interviews eintritt, sondern dass es Folgen geben  kann, ist erheblich. Dass sich die erwachsene Menschheit keinen besseren Zeitvertreib weiß, als auf der Lauer ihrer Spannungen zu liegen. Das Missverhältnis zwischen Ursache und Wirkung ist der ganze Inhalt des politischen Sports. Darum ist es töricht, vom politischen Standpunkt die Ursache anzuklagen. Je größer die Gefahr, desto reicher die Befriedigung des politischen Interesses, und je größer das Ereignis, desto greller erhellt es die geistige Leere, aus der es geboren ist. Dies, und nur dies, ist mein politisches Thema. Denn wenn wir einen Monat lang von nichts anderem sprechen, so fehlen wir mehr gegen die Kultur, als ein Gespräch gegen die Politik gefehlt hat. Ich sehe ein, dass es kein Privatvergnügen ist, sondern politische Folgen hat, aber eben daran ist die Politik schuld, die man zum Schweigen bringen muss, um die Gespräche eines Berufspolitiker ungefährlich zu machen. Politik zu treiben, wenn ein Erlebnisdrang ihren Stoff nicht zum Kunstwerk formt, ist das traurigste Geschäft der Welt. Wie man sieht, ist der Standpunkt, von dem ich die politischen Dinge beurteile, ein ziemlich niedriger. Mein Horizont ist so klein, dass Kulissen darin gar keinen Platz haben. Ich beurteile den geistigen Inhalt eines politischen Ereignisses nach der Beschaffenheit des Menschen, die es beschäftigt, den Wert des Samens nach der Qualität des Weizens, dem  er blühen macht.

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